Signatur: 585/ NZ 30431-47/49 
Universitätsbibliothek Greifswald 
war erreicht. Noch aber war die Reise nicht zu Ende. Nur erst kurz erblidct, hieß es der 
schonen Stadt wieder den Rücken zu kehren, um sich nicht den Zug der Kleinbahn nach 
Deep entgehen zu lassen. Ob dieses abenteuerliche Gefährt wohl heute noch besteht? - 
Welche Romantik lag für mich darin, als ich dreißig Jahre später in Proust* las von 
„Balbec" und dem „tortillard“ und erkannte, daß ich zu meiner Zeit in analogen Gefilden 
mich bewegt hatte! - In ungeheurem Halbkreis umfuhr das Züglein die Stadt; dann, 
durch Felder und Viehweiden in die gewittrige Dämmerung. Man hielt in Dörfern mit 
ungewohnten Namen: Triebs, Robe. Endlich hieß es: Ost-Deep - Heimkehrende Kühe 
überquerten gemächlich die Geleise; eifriges Gebimmel des vierrädrigen Maschinchens; 
nasse Sandwege, ein eintöniges Rauschen, gemischt aus den Bewegungen der See und 
des Kiefernwaldes; auf einer hölzernen Fußbrücke, auf welcher die Schubkarre des 
Burschen mit unserem Gepäck laut rumpelte, überquerten wir den grasdurchwachsenen 
Fluß; dann auf lautlosen Sandpfaden und roten Kiefernnadeln erreichten die Erschöpften 
nach einer weiteren halben Stunde nach Sonnenuntergang ihr Ziel. 
Ich verweile länger bei diesen ersten Eindrücken - sie sind unvergeßlich geblieben 
um die Hindernisse hervorzurufen, die zwischen Sucher und Gesuchtem lagen. Auch 
waren diese nicht nur äußerlicher Art. Noch jahrelang später erschallte in der Familie 
alljährlich der Ruf: „Nach Deep gehen wir nidit wieder!" - Wie aber kam es, daß doch 
wieder jeden Sommer die Pilgerschaft aufgenommen wurde? Im Laufe der Zeit ver 
besserten sich die Transportmittel ganz erheblich. Dies war aber auf keinen Fall ein 
* („A La Recherche du Temps Perdu“). Der „tortillard“ (Spitzname, auf die Windungen der 
Bahnstrecke anspielend) ist eine Kleinbahn, die verschiedene Dörfer und Landgüter mit dem 
(erfundenen) Badeort „Balbec“ verbindet. 
103
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.