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585 NZ 30431-75/78 
Universitätsbibliothek Greifswald 
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Doch mußte ich weiter, so schwer mir auch die Trennung von diesem einzig merkwürdigen Schaupunkte 
wurde. Ich begann mein Aufsteigen, ohne von einer bestimmten Richtung zu wissen, auf gut Glück über 
die hohle, blendende Lehne hinan. Da mir die Strecke links kürzer schien, als die auf der rechten Seite, 
so geschah es doch weniger aus Reflexion, als durch zufällige unglückliche Wahl, daß ich mich auf die 
linke Seite hielt. Anfangs ging es aufrecht gut, allein es änderte sich gar bald: die Senkung wurde steiler 
und ich gelangte zu einer noch grünenden, durch Unterwaschung mitsammt der Wurzel herabgestürz 
ten kräftigen Buche, deren Aeste, durch den Fall kläglich zersplittert, einem grimmigen »spani 
schen Reiter« glichen. Im Ueberklettem dieser Buche dachte ich mit Schauder: ein Ausgleiten 
hier und zerschmettert liegst du im Abgrund. Jenseits des Baumes nahm indeßdie Steilheit so sehr 
zu, daßsich's schon mit den Füßen allein nicht mehrabthun ließ. Deshalb versuchte ich, mich nun rechts 
hinüber zu wenden, allein der Versuch scheiterte an dem jähen Abfall, weil die Kreide, mehr glatt als 
nachgiebig, dem Fußtritt keinen Eindruck gestattete. Ich befand mich auf der ungefähren Hälfte der Hö 
he und so mußte also der Rest in der einmal genommenen Richtung auch erklettert werden, es koste 
so viel Anstrengung als es wolle, denn abwärts zurückzusteigen, fand ich bei der vorsichtigsten Probe 
gänzlich unausführbar. Aber selbst die Hülfe der Hände reichte nicht mehr aus, obgleich ich mich aufs 
Klettern recht gut verstand. Wie sollte ich’s also anstellen, wenn eine so glatt gespülte Fläche immer stei 
ler wird und endlich einen Winkel von 65 bis 70 Grad bildetI Hinauf mußte ich aber doch! Ich nahm 
daher mein Taschenmesser zur Hand, mit diesem grub ich mir in erreichbaren Entfernungen leichte 
Staffeln in die kompakte Kreidemasse, mittelst welcher ich mich je 2 Fuß emporhob, und je länger sich 
die Schatten der Bäume herabstreckten, desto eifriger betrieb ich das mühselige Graben, so daß ich am 
ganzen Körper warm wurde. 
Man denke sich aber auch meine Freude, als ich plötzlich auf rosenrothe Kreide stieß, und emsigergra 
bend, wünschte ich mir Glück, in dies grause Labyrinth gerathen zu sein, welches zu einer wichtigen 
Entdeckung führen sollte. Doch diese Freude war nur von kurzer Dauer. Der ganz neuen Erscheinung 
volle Aufmerksamkeit widmend und scharrend in der immer dunkler sich röthenden Kreide, gewahrte 
ich mit Schrecken, daß die rothe Farbe von meinem Messer ausging. Ein Blick auf meine Hand belehrte 
mich, daß ich blute; die scharfen Kanten des mehrklingigen Messerheftes hatten mir, ohne daß ich’s in 
meinem Eifer gefühlt, die innere Handfläche blutig gerissen. So empfindlich mich auch die Wunden 
schmerzten, um so mißmuthiger machte mich die Vernichtung der Freude über eine gehoffte, so wichtige 
geognostische Entdeckung, die mich nicht weniger entzückte, als einen chimärischen Grübler, welcher 
der Quadratur des Zirkels auf sichere Spur gekommen zu sein wähnt. Mein Halstuch wurde zur Bandage 
benutzt und mit noch mehr beschleunigter Thätigkeit die langweilige Vorkehrung zur Auffahrt fortge 
setzt. Dabei hielt mich fortwährend eine optische Täuschung befangen, als ob’s höher oben minder steil 
anstiege. Auf solch mißliche Weise hatte ich mich wieder etwa 100 Fuß emporgearbeitet, als ich mich 
mit einemal zu einer Stelle erhob, welche nicht bloß senkrecht abfiel, sondern sogar schauerlich überhing. 
Die Unmöglichkeit da hinaufzuschwingen, lag mir vor Augen. Wie sollte die erdige Beschaffenheit des 
Ueberhangs die ganze Schwere meines Körpers tragen, ohne daß die Ränder der kümmerlichen Gruben 
löcher ausgebrochen wären? Dieses Erkennen der Hülfslosikeit war das Bitterste, was ich je in meinem 
Leben empfunden habe, und ergriff mich darum so sehr und schmerzlich, weil mir jetzt nichts übrig 
blieb, als den guten F. von meiner gefährlichen Lage durch Rufen zu unterrichten. Ehe ich mich jedoch 
dazu entschließen konnte, überblickte ich noch einmal den Zustand, in den ich gerathen war; mein For 
schen aber nach irgend einem A usweg blieb fruchtlos. Noch immer zögerte ich, nur das Sinken der Sonne 
konnte den Entschluß erzwingen. Ich rief, allein das sonst so erlustigende Echo wurde hier zum Schreck- 
niß: vielstimmig erscholl des Name rings aus dem Geklüfte. Wie sollte er’s anstellen, mich aufzufinden? 
- Es dauerte eine geraume Weile, ehe es ihm gelang, sein Entsetzen über meine gefahrdrohende Situation 
zu äußern, obwohl er den Ausbruch desselben zu verbergen suchte, um mich durch sein Erschrecken 
nicht zu entmuthigen. 
Nachdem ich Freund F. meine Lage genau geschildert, zugleich auch angedeutet hatte, daß mir nur 
durch ein herabgelassenes Seil Hülfe zu bringen sei, sprach er mir Muth zu und eilte zum Baumhaus. 
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