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Mir blieb jetzt, seelenallein in der schauerlichen Einöde, nichts dringender zu thun, als wenigstens für 
die Arme einen Stützpunkt zu gewinnen, um in der mißlichen Stellung auszudauem und den Füßen 
das Tragen der Last meines Körpers möglich zu machen. Mein ganzes Augenmerk richtete ich zunächst 
auf das, was von oben herab geschehen mußte, wenn mir geholfen werden sollte; denn nur von daher 
konnte mir Hülfe kommen. Zwischen meinem Hängepunkt - Standpunkt darf ich’s nicht nennen - 
und dem oberen Rand mochte ein Zwischenraum von ungefähr 40 bis 50 Fuß sein. Bis so weit hatte 
ich mich gebracht; solch eine kurze Strecke nur noch und dennoch nicht zu erreichen. Bei dieser Um- 
und Anschau begegnete ich alsbald einem neuen Schreckniß. Mir im Zenith hing ein schwarzer Flint 
stein aus der Kreidewand hervor, der als eine fast zweischuhige Scheibe erschien und kaum noch mit 
dem neunten Theile seines kubischen Inhalts in der Kreidewand klebte. Sollte nun das Rettungsseil zu 
mir gelangen, so mußte es just in derselben R ichtung herabgelassen werden. Wie das aber anfangen, ohne 
auf den so lose schwebenden, der leisesten Berührung sicherlich weichenden Stein zu treffen? - Geschah 
das, ja dann wurde ich zerschmettert in die gräßliche Tiefe hinabgeschleudert! - 
Wer mir das Seil zureichen sollte, dem blieb zur Abweichung dieser Katastrophe kein anderes Mittel, 
als mit überragendem Oberkörper und ausgestreckten Armen glatt auf die Erde über den Abgrund hin 
aus sich zu legen. Welch eine Zumuthung? - und von welchem Punkte aus sie zu vollführen sei, war 
mir die nächste Aufgabe. 
Ein Baum oben am Rande mit zum Theil schon entblößten Wurzeln verschaffte mir zum Glück Gele 
genheit, die Oertlichkeit aufs Genaueste signalisieren zu können. Jetzt, in dieser mißlichen Art von Ru 
he, überfiel mich um die Zeit des Sonnenuntergangs ein widerwärtiger Frost, der mich wie Fieberschauer 
durchrieselte. Nichts lag mir näher, als die Sorge, einem apoplektischen Zufall mich preisgegeben zu se 
hen: ihn abzuwenden und mich durch einige Thätigkeit zu erwärmen, nahm ich das Messer wieder zur 
Hand und scharrte und kratzte mit Kraftaufwand in der Kreide, was jedoch nur wenig half. 
Hiermit emsig beschäftigt, wurde ich durch den Ausruf des Entsetzens: »Herr und Heiland!« aufge 
schreckt. Oben war F. mit einem Manne erschienen; dieser aber, als er mich auf solcher Stelle erblickt 
hatte, entsetzte sich und sah nun wohl ein, daß ich mich zu einem ganz andern Punkt hinaufgefördert, 
als er erwartet hatte; indeßsammelte sich der wackere Mann alsbald, verhieß möglichst schleunige Hülfe 
und eilte von dannen. Mich zu zerstreuen und zu beruhigen, erzählte mir F, wie sehr leicht der brave 
Mann mein Verirren genommen und dabei geäußert habe, daß dies gar oft vorfalle und mehreren Rei 
senden schon begegnet sei, die dann aus Furcht, in’s Meer zu stürzen, nach Hülfe schickten; daher denn 
die Bewohner der Baumhäuser recht gut Bescheid wüßten, wie auch ich herauf zu bringen sei. »Aber«, 
setzte F. hinzu, »daß sich zu Ihrem Standpunkt Keiner herangewagt haben mag, bewies der Ausruf des 
Schreckens, der dem guten Mann entschlüpfte«. 
Durch den zufälligen Umstand, daß ein Hirtenknabe unmittelbar vorher, ehe F. mein Rufen vernom 
men, nach der Zeit gefragt hatte, kann ich über die Dauer meiner Leidensperiode ziemlich genau Aus 
kunft ertheilen. Damals war es gerade 6 Uhr gewesen, gleichwohl jetzt 9 Uhr und noch Niemand da, 
der mir Rettung brachte. 
Endlich, 15 Minuten nach 9 Uhr, rief mir F. zu: »Gott sei gelobt! ich höre Menschenstimmen und Fuß 
tritte ganz in der Nähe, nun wird A lies schnell abgethan sein!« Mit York war auch der erste Baumwärter 
Hans Rüge, und Regina, dessen Frau, gekommen. Weil aber in beiden Häusern kein Seil vorhanden 
gewesen, so hatte man in das zurückliegende Dorf Hagen laufen müssen, um ein solches zu leiben. Wie 
jedoch der wackere Dorfrichter zu Hagen von meiner Noth gehört, so schloß auch er sich nebst seinem 
Sohn dem Rettungszuge an. Ruge’s heldenmüthige Frau hatte sich Vorbehalten, das Rettungsseil zu mir 
herabzulassen, während die Männer in der Geschwindigkeit wetteiferten, um hier Stufen und dort an 
der langen Wand mit Harken und Schaufeln einen Weg zu schaffen. 
Der gute Rüge unternahm es, mit einer Laterne versehen, mir zur Rechten hinab und dann zu mir 
hinauf sich zu haspeln. Als ich mir unter Ruge’s Beistand, so viel er thun konnte, das Seil mehrmals 
um den Leib geschlungen und befestigt hatte, wurde jetzt seitwärts von dem verhängnisvollen Flintstein 
dasselbe um den Baum gewunden. Wäre es nun wirklich mit meinen Kräften zu Ende gewesen, so sah 
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