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Universitätsbibliothek Greifswald 
ich mich doch gegen den Sturz zum Meere sicher gestellt. Aber eine neue schwere Prüfung wurde über 
mich verhängt, indem ein furchtbarer Sturm ausbrach und das Meer mit Donnergebrüll sich erhob. Die 
See mußte in höchstem Grad hohl gehen, denn mit zischender Gewalt schleuderte sie die empörten Wo 
gen tief unter mir gegen den Strand, daß es mir schien, als erbebte das ganze Kreidegebirge. Dieser plötz 
liche Aufruhr der Elemente ergriff und erschütterte mich in meinem angeklammerten Zustande derge 
stalt, daß mir ein Fieberfrost durch alle Glieder drang, und verloren hielt ich mich um so mehr, da es 
auch zu regnen begann. Die äußerste Ueberreizung spiegelte mir jetzt die Furcht vor, daß ich nun ret 
tungslos herabgespült, dem Meere zur Beute werden, oder von dem über mir hangenden, vom Regen 
gelösten Steine den Tod empfangen müßte. 
In diesem schrecklichen Moment sammelte ich meine letzten Kräfte, rief F. zum Rande und gab ihm 
mehrere Aufträge an meine Familie, die ich als den Abschied von derselben betrachtete. Was Wunder, 
daß so gehäufte Gemütsbewegungen neben den erschöpfendsten körperlichen Anstrengungen auf die 
Dauer eine Abspannung zur Folge hatten? Sie stellte sich, als Sturm und Regen sich verminderten, auf 
eine beängstigende Weise mit Schlafsucht ein. Kaum vermochte ich die Augen offen zu erhalten, obwohl 
mit schauderhaftem Dröhnen Stein auf Stein, den kräftigen Bemühungen meiner Retter weichend, dem 
Abgrund zustürzten und mit dumpfem Sausen da und dort an- und abprallten. Trotz der Verwirrung 
der Sinne und meiner Schwäche mußte ich daran denken und Alles aufbieten, den Schlaf abzuwehren. 
Endlich sah, oder besser, hörte ich die so beschwerlichen als gefahrvollen A rbeiten in dem Kreidegeklüf- 
te darin vorgerückt, daß unmittelbar unter mir Stufen eingehauen wurden, und Worte der Ermuthi- 
gung verhießen mir die nahe Rettung. Mit unnennbarem Herzklopfen, in fieberhafter Bewegung mußte 
ich’s geschehen lassen, daß mir Fuß um Fuß abwärts gesetzt wurde. Des freien Gebrauchs meiner Glieder 
verlustig und in einer nicht zu beschreibenden Art von Halbbewußtsein hing ich in Ruge’s Armen, wäh 
rend der Rettungsgang vollführt wurde und die Worte ertönten: »Jetzt ist es durch Gottes Hülfe gelun 
gen, jetzt sind sie gerettet!« Selbst die Gewißheit, auf sicherem Boden mich zu wissen, ergriff und 
erschütterte mich. 
Als ich unter den Bäumen mich wieder erkannte, sank ich auf die Kniee nieder, faltete die Hände, 
küßte den Boden und verblieb längere Zeit in dieser Stellung. - F. versichert, dieser Moment habe ihn 
und alle Anwesenden so gerührt und erschüttert, daß sich Niemand der Thränen habe enthalten können. 
Ich wollte aufstehn, allein dazu fehlte es mir an Kraft: man hob mich auf. 
Tief bewegt und ohne eines Wortes mächtig zu sein, umarmte ich mit Inbrunst der Reihe nach die 
Umstehenden, meine Lebensretter. Ruge’s Frau entging es nicht, daß ich vor Frost zitterte, und sie brach 
te mir eilends einen Mantel. Darein gehüllt, wünschte ich wenige Augenblicke in der Wachhütte (Die 
Wachhütte wurde von den Franzosen damals erbaut, als längs der Küsten der Ostsee die Engländer 
kreuzten.) zu ruhen, allein man widerrieth eine solche Ruhe, indem man besorgte, da die Hütte weder 
Thüre noch Fenster hatte 20 , daß ich mich durch den Zugwind einer Erkältung aussetzen würde, und 
Alle stimmten vielmehr dafür, den Weg anzutreten und mich zum Baumhause zu geleiten. Frau Rüge 
leuchtete dem Zuge durch Nacht und Waldesdunkel voran, während ich, auf Hand Ruge’s und York’s 
Arme gestützt, den mir ewig lang dünkenden Weg zum Baumhause antrat. Hier angelangt, beeilte sich 
Frau Rüge, mir eine Suppe zu bereiten, und so schnell das auch gethan war, so unterlag ich dennoch 
früher dem Andrange des Schlafs und sank erschöpft und ermattet auf die mir von Rüge bereitete Streu 
nieder. 
Ein durch die ganze Nacht hindurch bis an den hellen Tag dauernder, todtähnlicher Schlaf stärkte 
mich und gab mir die verlornen Kräfte wieder. Bei meinem Erwachen fühlte ich mich so wohl, daß 
ich am Nachmittag mit F. einen Spaziergang zur Herthaburg unternehmen konnte. Schon am folgenden 
Morgen eilten wir mit der ersten Dämmerung zum Königsstuhl und genossen den erhabenen Anblick 
des Sonnenaufgangs über das wogende Meer herauf. Ergriffen von dieser herzerhebenden A nschau, stieg 
20 Gerade diese detaillierten Angaben zu der Wachhütte der französischen Besatzungsarmee, die bis 1817 
stand, lassen Kummers Bericht glaubhaft erscheinen. 
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