13 585 NZ 30431-59/62 Universitätsbibliothek Greifswald Die angebliche westslawische Gottheit Goderac Die Lage von Goderac-Kessin Von Helge Bei der Wieden Irrtümer können bisweilen ein erstaunlich langes Leben führen. Seit nämlich Arnold von Lübeck über Bischof Bemo von Schwerin geschrieben hat: „Ille tarnen per Christum con- fortatus, culturas demonum eliminavit, lucos succidit et pro Gutdracco Godehardum episcopum veneari constituit, ideoque bono fine cursum certuminis terminasse fidelibus placuit“ 1 , geistert durch die Literatur bis in unsere Tage hinein 2 der Bericht über Goderac, den obersten Gott der heidnischen Kessiner 3 . Aus seinem Namen glaubte man herauszu ­ lesen, daß er der „Zeitengott oder Jahresgott der Westslaven“ gewesen sei 4 . Sein Haupt ­ heiligtum habe in Kessin (wenige Kilometer ssö. von Rostock entfernt) gestanden, und an dessen Stelle habe Bischof Bemo eine Kirche dem heiligen Godehard von Hildesheim geweiht 5 . Alle diese Überlegungen über den Gott Goderac sind aber hinfällig, weil schon im Jahre 1892 A. Brückner nachgewiesen hat 6 , daß Arnold offenbar die Stelle in der Bewidmungs- urkunde Heinrichs des Löwen für das Bistum Schwerin von 1171 falsch verstanden hat, in der es heißt: „et villam sancti Godehardi, que prius Goderac dicebatur“ 7 . Die Slawistik hat diesen Hinweis angenommen und Goderac aus den Namensverzeichnissen slawischer Götter gestrichen. Die Geschichtsschreibung tat dies aber nur teilweise. Der Grund mag in dem Umstand zu suchen sein, daß Karl Koppmann gerade einen Aufsatz über die Ge ­ schichte des Dorfes Kessin vorbereitete, als ihm Brückners Überlegungen zur Kenntnis gebracht wurden. Um seine Darlegungen nicht weitgehend neu fassen zu müssen, erklärte 1 Amoldi Chronica Slavorum, hg. v. J. M. Lappenberg, = MGH Scr. rer. Germ., Hannover 1868, S. 192 f. (lib. 5, cap. 24). 2 Z. B. Joseph Godehard Mächens: Die Ausbreitung der Verehrung des hl. Godehard, in: Bem- ward und Godehard von Hildesheim. Ihr Leben und Wirken, hg. v. Konrad Algermissen, Hildes ­ heim 1960, S. 259; Johannes Lachs und Friedrich Karl Raif: Rostock, Rostock 1966, S. 8; Manfred Hamann: Mecklenburgische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Landständischen Union von 1523, = Mitteldeutsche Forschungen LI, Köln-Graz 1968, S. 49 f. 3 Karl Schmaltz: Kirchengeschichte Mecklenburgs, I: Mittelalter, Schwerin 1935, S. 51. 4 P. Kühnei: Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg, in: Jahrbücher des Vereins für mecklen ­ burgische Geschichte (zit. MJb.) XLVI (1881), S. 52. 5 F. Wigger: Bemo, der erste Bischof von Schwerin, und Mecklenburg zu dessen Zeit, in: MJb. XXIIX (1863), S. 163; Karl Schmaltz: Die Begründung und Entwicklung der kirchlichen Organi ­ sation Mecklenburgs im Mittelalter, in: MJb. LXXII (1907), S. 154 ff. 6 A. Brückner: Mythologische Studien III, in: Archiv für slavische Philologie XIV (1892), S. 164 f.; Erwin Wienedke: Untersuchungen zur Religion der Westslawen, = Forschungen zur Vor- und Frühgeschichte I, Leipzig 1940, S. 280 f. und 286. 7 Die Urkunden Heinrichs des Löwen, Herzogs von Sachsen und Bayern, bearb. v. Karl Jordan, = MGH Laienfürsten- und Dynastenurkunden der Kaiserzeit. Weimar 1949, Nr. 89 (S. 133), Nr. 90 (S. 136), Nr. 91 (S. 139). Im Meklenburgischen Urkundenbuch (zit. MUB) finden sich die Ur ­ kunden in Bd. I (Schwerin 1863), Nr. 100 A-C.